Der Nachtalb, der gut werden wollte – eine Kurzgeschichte

Der Nachtalb, der gut werden wollte

Es war einmal ein Nachtalb. Sein Name war Albrian Gruselfrech. Er und seine Gefährten waren dunkle Gesellen, die den Menschen richtig Angst machen, und die schrecklichsten Träume bringen konnten.

Albrian war bisher der Dunkelste und schrecklichste von allen Nachtalben gewesen. Vor allem liebte er es, kleine Kinder und kranke Menschen im Schlaf heim zu suchen, und zu erschrecken. Es war eine Wohltat für ihn, jemanden vor Angst weinen und schreien zu hören. Dann erst machte er sich aus dem Staub und lachte gruselig.

Doch eines Abends kam alles anders. Es war Vollmond und eine klare Sternschnuppennacht im Sommer. Wenn ein Nachtalb von einer Sternschnuppe getroffen wird, fällt er in Ohnmacht.

Oben auf einem Mondlichtstrahl saß die Sternenfee Rubina Sternschnupp und ließ viele, viele Sternschnuppen vom Himmel fallen. Eine davon traf Albrian genau am Kopf. Sofort stürzte der Nachtalb aus der Luft zu Boden und blieb reglos liegen.

Albinia Nachtschreck, die Königin der Nachtalben wunderte sich, warum alle im Schloss ankamen, nur der, normalerweise zuverlässigste, nämlich Albrian Gruselfrech nicht und nicht kam. So bekamen diesmal alle Anderen Nachtelben die Bösesten und gruseligsten Träume. In alle Himmelsrichtungen flogen die dunklen Wesenheiten dann davon.

Prinzessin Alba Mondschön, eine Traumelfe, den Lichtalben zugehörig, fand Albrian Gruselfrech bewusstlos in der Wiese liegen. Wer weiß, wie viele Sternschnuppen ihn bereits getroffen hatten. Lichtelben können nicht anders, sie sind vom Wesen her so gutmütig, sodass sie sogar im Notfall den Dunkelsten Wesen helfen. Sie nahm Albrian mit ins Mondlichtschloss, wunderte sich aber, wieso sich sein Körper unter dem ständigen Licht der Sternschnuppen, die ihn trafen, noch nicht aufgelöst hatte. Sie handelte aus einem inneren Gefühl heraus, nicht weil Albrian eigentlich böse war, sondern momentan wehrlos und schwach.

Es gab im Mondlichtschloss nur einen einzigen Raum, der ganz dunkel war. Dort legte Alba Mondschön den Bewusstlosen Albrian hinein und verständigte ihre Mutter, Königin Lucina Mondschön. Diese kam hinzu und beugte sich über den Nachtalb. „Mama, schau ihn nicht direkt an, sonst verwandelst Du Dich womöglich in eine Dunkelelfe.“, sagte Alba ängstlich. „Keine Angst, mein Schatz. Der kann keine Zauber ausführen momentan, weil er so schwach ist. Er braucht jetzt die Dunkelheit, um wieder zu Bewusstsein, und zu Kräften zu kommen. Dann sehen wir weiter.“, erwiderte die Mutter. „Und wieso hat er sich bei dem vielen Licht, dass er abbekommen hat, noch nicht aufgelöst?“, fragte Alba verwirrt. „Da muss ich in meinem schlauen Elbenbuch nachsehen, im Abschnitt Dunkel- und Nachtalben.“, sagte die Mutter. Alba blieb bei Albrian und die Mutter verließ den Raum.

„Das Goldene Buch der Elben“, stand am Buchdeckel. Lucina Mondschön blätterte, bis sie zum Abschnitt Dunkelalben und Nachtalben kam. Da stand geschrieben:

„Schauen Sie einem Nachtalb niemals direkt in die Augen. Der böse Zauber der Nachtalben könnte dafür sorgen, dass Sie ebenfalls zum Nachtalb werden.

Sollte ein Nachtalb von Sternschnuppen getroffen werden, führt dies zur Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tode, wobei sich der Körper des Nachtalben auflöst, und zu schwarzem Staub wird. Es sei denn, der Nachtalb trägt in sich den Wunsch, die dunkle Seite zu verlassen, um zu den Lichtelben gehören zu können. In diesem Fall löst sich der Körper selbst bei großem Lichteinfluss nicht auf. Die Bewusstlosigkeit eines Nachtalben dauert bis zu 24 Stunden.“

Lucina Mondschön schlug das Buch zu und verstaute es wieder sorgfältig, ehe sie wieder in den dunklen Raum ging, wo Alba bei Albrian Wache hielt. Dort erklärte Lucina ihrer Tochter alles, befahl ihr, weiter bei ihm zu bleiben und ging. Es war schon spät am Abend und sie hatte noch einiges zu tun.

Im Morgengrauen schlug Albrian die Augen auf. Er kam langsam wieder zu Bewusstsein. Alba Mondschön kniff die Augen zusammen, um nicht auf die Idee zu kommen, ihn anzublicken. Leise verließ sie den Raum und suchte ihre Mutter. Königin Lucina Mondschön saß gerade auf der Regenbogen-Therasse und genoss ihren Mondlichtkaffee, als Alba aufgeregt bei ihr ankam. „Mama! Mama! Er kommt zu sich! Komm schnell!“, rief sie. Lucina Mondschön zauderte nicht lange, nahm Alba bei der Hand und schnellen Schrittes gingen sie in den dunklen Raum.

„Wo bin ich hier?“, fragte Albrian. Lucina Mondschön deutete ihrer Tochter, leise zu sein. Die Mutter wollte selbst mit dem Nachtalb reden. Mit geschlossenen Augen beugte sie sich über ihn und antwortete: „Du bist von einigen Sternschnuppen getroffen worden, Nachtalb. Und dennoch hat sich Dein Körper nicht aufgelöst. Ich bin Lucina Mondschön, und meine Tochter Alba hat Dich gefunden und ins Mondlichtschloss gebracht.“ Albrian richtete sich auf. Sein Blick traf geradewegs Alba Mondschön. Sie aber wich seinem Blick aus. „Oh, meine Verehrten Damen, ich bin froh, dass ich endlich aus der Ohnmacht erwacht bin. Wissen Sie, warum sich mein Körper, trotz hohem Lichteinfluss nicht aufgelöst hat?“, sprach Albrian und seine Blicke wanderten prüfend zwischen Mutter und Tochter hin und her. Lucina nickte und Alba antwortete: „Sag Du es uns. Du hast Doch einen Wunsch, nicht wahr?“ Albrian fiel auf die Knie, brach in Tränen aus und schrie es unter Tränen heraus: „Ich will kein Nachtalb mehr sein! Ich möchte zu den Lichtelben gehören! Ich habe es satt, den Kindern schreckliche Träume zu bringen! Ja, ich möchte gut sein, und nur noch schöne, und gute Träume in der Welt, bei den schlafenden Menschen verteilen! Bitte helft mir!“

„Alba, geh in mein Zimmer, und hole das goldene Buch der Elben.“, befahl Lucina. Die Tochter gehorchte und bekam den wertvollen, goldenen Schlüssel für den Schrank, in welchem das Buch lag.

Währenddessen redete Lucina Mondschön beruhigend auf den Nachtalb ein: „Schon gut, Du musst nicht mehr weinen. Ich werde sehen, was ich für Dich tun kann, um Dich vom Zauber der Dunkelalben zu erlösen, damit Du voll und ganz ein Traumelf, für schöne Träume sein kannst. Aber sag mir, wie heißt Du denn?“ „Mein Name ist oder war, Albrian Gruselfrech.“ „Albrian klingt ja ganz nett, nur brauchst Du als Lichtalb einen neuen Nachnamen.“ Albrian nickte nur.

Kurz darauf kam Alba mit dem Buch. Die Mutter bedankte sich und schlug das Buch auf. Da stand geschrieben:

„Erlösungszauber für Nachtalben, die der lichtvollen Seite angehören wollen:

Der Nachtalb muss zuerst glaubhaft seinen Wunsch äußern, nicht mehr zu den Bösen Nachtalben gehören zu wollen. Die Person bzw. das Wesen, welches den Nachtalb bewusstlos aufgefunden hat, muss folgende Schritte durchführen, um den Nachtalb zu erlösen:

der Nachtalb und der Finder/die Finderin müssen sich tief in die Augen sehen.

Das Lichtwesen fixiert mit dem Blick den Nachtalb und spricht folgenden Zauberspruch: „Sternenglanz und Mondenschein, Nachtalb sollst nun Lichtalb sein. Willst Du dem Lichte ewiglich die Treue schwören, so ist gewiss, dass Du für immer wirst zu uns gehören.“

Um den Zauber zu vollenden, muss das Lichtwesen, z.B. die Lichtelfe den Dunkel- bzw. Nachtalb küssen.

Der Zauber ist geglückt, wenn der Nachtalb kurz danach nochmals für ein paar Minuten bewusstlos wird. Nach dem Erwachen aus der Bewusstlosigkeit sollte man die Verwandlung klar erkennen können.“

Lucina Mondschön seufzte. „Du musst es also machen, Alba, mein Kind.“ Alba nickte.

Albrian stellte sich vor sie hin, und sie blickten sich in die Augen. Dann im zweiten Schritt fixierte Alba ihn und sagte voller Inbrunst den Spruch:

„Sternenglanz und Mondenschein, Nachtalb sollst nun Lichtalb sein. Willst Du dem Lichte ewiglich die Treue schwören, so ist gewiss, dass Du für immer wirst zu uns gehören.“

Schließlich küsste sie den Nachtalb. Danach fiel er zu Boden und rührte sich nicht. „Es ist geglückt!“, flüsterte Alba aufgeregt.

Wenige Minuten später erwachte Albrian. Ein sanfter Schimmer umgab ihn. „Ich hab‘s geschafft!“, rief er erleichtert aus, umarmte dann zuerst Alba und dann ihre Mutter Lucina voller Freude.

In der großen Halle des Mondlichtschlosses hatten sich alle Traumelfen versammelt. Ein Traumelf kam auf Albrian zu und begrüßte ihn mit den Worten: „Hi, Du bist wohl der Neue!“ Albrian nickte. „Ich bin Traumello Schlafewohl. Ich soll Dich in der ersten Zeit begleiten. Ähm, einen neuen Zweitnamen brauchen wir auch noch für Dich. Hast Du eine Idee?“ Albrian gab Traumello die Hand und erwiderte: „Freue mich sehr, Dich kennen zu lernen. Nun, da ich zukünftig nur noch schöne Träume an die Menschen verteilen möchte, kam mir als Zweitname Träumesüß in den Sinn.“ „Albrian Träumesüß.“, wiederholte Traumello. „Ja, dass klingt gut.“, meinte er schließlich und klopfte Albrian Träumesüß auf die Schulter. Dann ging es auch schon los.

Mit der Zeit kehrte der Alltag im Mondlichtschloss bei Albrian ein und er verliebte sich unsterblich in Prinzessin Alba Mondschön. So kam es, dass im Schloss schon bald Hochzeit gefeiert wurde.

Die Zeit verging, und Albrian und Alba hielten ihr erstes Kind, ein Mädchen in den Armen. Die kleine Elfe bekam den Namen Lunabella Traumkind.

So verteilten sie stets die schönsten Träume auf der Welt und lebten glücklich und zufrieden.

Vollendet am 14.03.2019

Diese Geschichte ist Teil meiner ersten Facebook Live Lesung, die am 15.03.2019 stattgefunden hat. Das Video ist öffentlich einsehbar.

Inspiriert hat mich Serap, mit ihrer Geschichte vom KARABASAN (Nachtalb)

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1 Kommentar zu „Der Nachtalb, der gut werden wollte – eine Kurzgeschichte“

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